Die anonyme Persönlichkeit! Die persönliche Anonymität?

Im Internet scheint es für den einen oder anderen eher schwierig zu sein, ein gewisses Maß an Anonymität zu wahren. Einigen ist es fast egal, was die halbe Welt lesen kann, andere sind sehr gewissenhaft im geheim halten ihrer Identität. Ich befinde mich wohl irgendwo in der Mitte. Es gibt Dinge, die ich ohne Bedenken im World Wide Web veröffentliche und andere, die ich aus verschiedenen Gründen nicht veröffentlicht haben möchte.

Zur letztgenannten Kategorie gehören Fotos aller Art, besonders die meines Sohnes. Die Gründe dafür sind vielfältig. Zum Einen weiß ich natürlich nicht, was er selber in einige Jahren davon halten würde, seine Kinderfotos im Internet zu finden oder wenn im schlimmeren Fall seine Mitschüler die Fotos sehen würden, zum Andere habe ich einfach schon die verrücktesten Sachen im Internet erlebt. Beispielsweise hat eine Frau sich von einer Website Kinderfotos kopiert und aus diesen ihre eigene Homepage gebastelt, die völlig fremden Kinder als ihre eigenen ausgegeben und eine komplette Lebensgeschichte drumherum gedichtet, inklusive aller Krankheiten und Eigenschaften der Kinder. Ich glaube, ich würde durchdrehen, wenn irgendjemand die Fotos meines Sohnes so verwenden würde.

Aus diesem Grund werde ich auch sehr schnell sauer (zuweilen aggressiv), wenn „bekannte“ Menschen Fotos meiner Familie machen und ohne mein Einverständnis im Internet veröffentlichen. Leider ist der Begriff des Rechtes am eigenen Bild nicht jedem geläufig und ich hatte deswegen schon einen handfesten Streit mit einem entfernten Bekannten. Ich weiß sehr wohl, dass ich nicht der Nabel der Welt bin und es vermutlich kaum jemanden gibt, der überhaupt Interesse an mir oder meiner Familie hat, aber das Wohl meines Sohnes steht für mich eben über allem anderen und das versuche ich auch für die Zukunft zu bewahren.

Ich möchte auch nicht, dass jemand meine Geschichten in meinem Blog irgendwie mit mir persönlich oder meiner Familie in Verbindung bringen kann, weswegen ich hier niemals reale Namen nutze (ja, ich weiß, das Impressum… ). Es wäre mir selber sehr unangenehm, wenn jeder in meinem Umfeld wüsste, was ich im Internet von mir gebe, zumal ich in einem Dorf wohne und da wird bekanntermaßen auch gerne mal getratscht. Natürlich könnte ich einfach komplett darauf verzichten hier etwas zu schreiben, aber dieser Blog ist mein Hobby, meine Meinungsäußerungsplatform und ich halte es eben einfach so, dass ich im realen Leben niemandem von dieser Website erzähle. Würde ich nun unsere wirklichen Namen nennen, die in der Kombination vermutlich seltener sind als „Markus, Tanja, Jasmin und Lukas“ (um es mal als Beispiel zu nennen), wäre es dank Google vermutlich zu einfach hier zu landen. Wobei mein voller Name glücklicherweise ein Allerweltsname ist, den neben mindestens einer (halb-)Berühmtheit auch diverse Ärztinnen und Wissenschaftlerinnen tragen, so dass man mich persönlich fast überhaupt nicht in Google finden kann. Nicht mal in Kombination mit meinem Wohnort. Aber egal, sicher ist sicher.

Nun fragt man sich vermutlich mittlerweile, was ich denn überhaupt freiwillig über mich im Netz stehen lasse um nicht als Anonymous verloren zu gehen und irgendwie einen persönlichen Bezug zu meinen Lesern zu behalten. Nun, jeder darf gerne wissen, wo meine Heimat ist, denn die Stadt ist groß genug mit ungefähr 1 Million Einwohner und Köln darf eh nicht unerwähnt bleiben. Jeder darf wissen, wie alt ich bin (ob ich das in zehn Jahren auch noch sage?), seit wann ich verheiratet bin, dass ich einen Sohn habe, seit einer gefühlten Ewigkeit studiere, zwei alte Katzendamen versorge, in einer Mietwohnung lebe, …. Naja, Allerweltswissen eben. Jemand, der mich persönlich im realen Leben gut kennt, würde vermutlich auch aus den Eckdaten schließen können, wer ich bin, wenn er denn überhaupt zufällig über diesen Blog stolpert. Aber das wären dann so viele Zufälle auf einmal, dass ich das wohl ausblenden kann.
Vielleicht fragt sich jetzt der eine oder andere, warum ich überhaupt in der Zeit so „penibel“ wurde um meine (unsere) Anonymität zu wahren. Das lässt sich wohl relativ einfach (aber garantiert nicht kurz) erläutern. Ich blogge schon deutlich länger als ich diese Blog mein Eigen nennen darf. Ich glaube angefangen habe ich ungefähr 2004 oder 2005, damals bei einem anderen Anbieter und natürlich völlig „geheim“. Da damals für mich keine Impressumspflicht bestand konnte ich unter meinem damaligen Pseudonym frei von der Leber weg schreiben, was mich bedrückte, nervte, ärgerte … Eine ganze Zeit lang hielt ich es auch so, dass niemand aus dem wirklichen Leben die Adresse zu meinem Blog bekam, aber irgendwann machte ich eine einzige Ausnahme und gab einer Klassenkameradin (die ich fast für eine Freundin hielt) die Adresse und das Passwort (der Blog war vollständig damit geschützt). Ich hatte mich in der Zeit ziemlich über einen weiteren Klassenkameraden geärgert und mich in meinem Blog darüber ausgelassen. Wie gehabt anonym, ich nannte keine Namen sondern nutze nur Buchstabenkürzel für die beteiligten Personen und außerdem war dieser Blog ja für niemanden einfach so einsehbar. Ich hätte nie daran gedacht, dass ich damit eine Straftat begehen könnte, geschweige denn, dass es überhaupt jemals der Betroffene lesen würde. Aber dank der Klassenkameradin, die nach dem Lesen des Beitrags Webadresse und Passwort an den Betroffenen weiter gab hatte der natürlich vollen Zugriff und reagierte ziemlich heftig darauf. Er hatte damals den kompletten Text ausgedruckt und unserem Klassenlehrer vor die Nase gelegt, der wiederum die Sozialpädagogin der Schule ansprach. Es endete in einem Gespräch zwischen dem Mitschüler, dem Klassenlehrer, der SP und mir, wobei mir wirklich damit gedroht wurde Anzeige zu erstatten und man mich als psychisch nicht ganz in Ordnung bezeichnete.

Aus damaliger und heutiger Sicht fand ich die Reaktion völlig überzogen, denn wir waren keine 15 mehr sondern Mitte 20 (ich habe recht spät das Abitur nachgeholt) und es hätte gereicht, wenn man normal mit mir geredet hätte. Nicht ich war damals diejenige, die den Text öffentlich gemacht hatte, er wäre einfach in den Tiefen des WWW verschwunden, bzw. war er ja eh nur mit Passwort überhaupt zu sehen. Und vermutlich wäre niemals jemand darauf gekommen, dass ausgerechnet „er“ gemeint sein könnte, Namen mit dem selben Anfangsbuchstaben gibt es wie Sand am Meer.
Aber die Tatsache, dass jemand so reagieren kann, wenn man auch nur ein Mal etwas dummes schreibt hat mir sehr deutlich gezeigt, wie gefährlich und unberechenbar das Internet sein kann, wenn man nicht auf die Anonymität achtet, wenn man nicht völlig verfremdete Namen nutzt sondern die echten nur abkürzt, wenn man Passwörter unbedacht an andere Personen weiter gibt, usw. Seit dem Vorfall bin ich auf jeden Fall sehr, sehr kleinlich geworden, was Anonymität betrifft.

 

This entry was posted in Gedanken. Bookmark the permalink.

Comments are closed.